Ratgeber für Kandidaten

Motivationsschreiben in der Schweiz: was Unternehmen lesen wollen, Aufbau und Beispiele für Techniker

Etwa jedes zweite Unternehmen in der Schweiz erwartet zu einer Bewerbung ein Motivationsschreiben, viele KMU in Industrie und Technik fast immer. Für Fachkräfte ist es oft die unangenehmste Seite im Dossier: Man weiss nicht, was reingehört, und schreibt dann das, was in jeder Vorlage steht. Dieser Leitfaden zeigt, was ein Fachvorgesetzter in einem Motivationsschreiben tatsächlich sucht, einen Aufbau in vier kurzen Absätzen, der auf einer halben Seite Platz hat, und die Fehler, die wir in Schreiben von Konstrukteuren, Polymechanikern, Automatikern und Technikern am häufigsten sehen.

Von Jürgen Winkler, Fachberater Industrie & Technik · Stand September 2026 · Lesezeit 8 Minuten

Leitfaden als PDF

Der komplette Leitfaden plus Extras, die es nur im PDF gibt: eine Vorlage zum Ausfüllen, Textbausteine für jede Situation (ausgeschriebene Stelle, Initiativbewerbung, Bewerbung aus Deutschland oder Österreich, Branchenwechsel) und vier Beispielschreiben für Polymechaniker, Automatiker, Techniker HF und Konstrukteure. Kostenlos per E-Mail.

Brauche ich überhaupt ein Motivationsschreiben?

Die ehrliche Antwort: Es kommt auf das Unternehmen an. In der Industrie sehen wir eine Teilung von etwa halb zu halb: Klassische KMU, Ingenieurbüros und Familienunternehmen erwarten das vollständige Dossier mit Schreiben. Grössere Konzerne und stark technisch geprägte Funktionen verlangen es seltener oder machen es freiwillig.

Daraus folgen drei einfache Regeln:

  • Steht in der Anzeige „vollständiges Dossier“ oder „Motivationsschreiben“, ist es Pflicht. Ohne Schreiben gilt die Bewerbung als unvollständig.
  • Steht „optional“ oder nichts, schicken Sie trotzdem ein kurzes Schreiben mit. Ein halbseitiger Text, der zur Stelle passt, schadet nie und wird gelesen, wenn zwei Dossiers gleich gut sind.
  • Wird Ihr Dossier über einen Personalvermittler eingereicht, entscheidet ebenfalls das Unternehmen, ob es ein Schreiben sehen will. Halten Sie deshalb eines bereit, das Sie in zehn Minuten auf eine konkrete Stelle anpassen können.

Was ein Fachvorgesetzter darin sucht

Das Motivationsschreiben wird in der Industrie selten von der Personalabteilung allein gelesen. Es landet beim Abteilungsleiter oder Teamleiter, der die Stelle besetzen muss. Diese Person hat wenig Zeit und drei Fragen im Kopf:

  1. Hat die Person verstanden, was wir suchen? Der Bezug zur ausgeschriebenen Stelle muss im ersten Absatz erkennbar sein: Stellentitel, Bereich, gern die wichtigste Anforderung aus der Anzeige.
  2. Kann sie das wirklich? Nicht die Aufzählung aus dem Lebenslauf, sondern ein konkretes Beispiel: eine Baugruppe, eine Anlage, ein Projekt mit Zahl oder Ergebnis. Ein Satz mit „SolidWorks, 3-Achs-Fräsen, TIA Portal“ sagt mehr als drei Sätze über Teamfähigkeit.
  3. Warum wir, und passt der Mensch zu uns? Ein echter Grund für dieses Unternehmen: Produkt, Branche, Grösse, Region, Technologie. Und ein Hinweis darauf, wie Sie arbeiten, in einem Satz, nicht als Liste von Eigenschaften.

Was nicht gesucht wird: Wiederholungen des Lebenslaufs, Floskeln („Mit grossem Interesse habe ich Ihre Anzeige gelesen“), Aussagen über den Traumjob, allgemeine Lobsätze über das Unternehmen, die auch auf jedes andere passen würden.

Der Aufbau: vier Absätze, eine halbe Seite

Ein gutes Motivationsschreiben für eine technische Stelle hat 150 bis 250 Wörter. Mehr als eine Seite liest niemand. Die Struktur:

  1. Bezug (2 Sätze): Auf welche Stelle bewerben Sie sich, wo haben Sie sie gesehen, und was hat Sie konkret angesprochen.
  2. Was Sie mitbringen (3 bis 5 Sätze): Ihre aktuelle Funktion in einem Satz, dann ein konkretes Projekt oder eine Aufgabe, die zur Anzeige passt, mit Technologie, Umfang und Ergebnis. Ein zweites Beispiel nur, wenn es eine andere Anforderung abdeckt.
  3. Warum dieses Unternehmen (2 Sätze): Ein Grund, der nur auf diese Firma passt. Plus ein Satz, wie Sie arbeiten und was Ihnen im Team wichtig ist.
  4. Schluss (2 Sätze): Verfügbarkeit oder Kündigungsfrist, Bereitschaft zum Gespräch, Grussformel. Keine Bitte, keine Rechtfertigung.

Beispiel für einen Konstrukteur

Sehr geehrter Herr Muster

Sie suchen für Ihre Entwicklung einen Konstrukteur für Sondermaschinen mit SolidWorks-Erfahrung. Diese Stelle passt zu dem, was ich seit sieben Jahren mache, und zu dem, was ich als Nächstes suche: Verantwortung für komplette Baugruppen von der Idee bis zur Serie.

Bei der Muster AG konstruiere ich heute Handling- und Zuführmodule für Verpackungsanlagen in SolidWorks, erstelle die Fertigungszeichnungen nach ISO GPS und begleite die Inbetriebnahme beim Kunden. Im letzten Jahr habe ich eine Zuführeinheit so überarbeitet, dass die Montagezeit um rund einen Drittel sank; die Änderung ist seit März in der Serie.

Ihr Unternehmen reizt mich, weil Sie Anlagen für die Lebensmittelindustrie bauen, wo Hygienic Design und robuste Mechanik zusammenkommen. Ich arbeite gern eng mit Montage und Fertigung zusammen, weil die besten Lösungen dort entstehen.

Meine Kündigungsfrist beträgt drei Monate. Über ein Gespräch freue ich mich.

Freundliche Grüsse
Max Muster

Das sind 170 Wörter. Jeder Absatz beantwortet eine der drei Fragen des Fachvorgesetzten. Das Beispiel ist erfunden; passen Sie Firma, Produkt und Zahlen an Ihre Situation an, aber übernehmen Sie die Logik.

Formulierungen: konkret statt austauschbar

AustauschbarKonkret
Ich bin teamfähig, belastbar und flexibel.Bei Terminproblemen in der Montage ziehe ich Änderungen an der Zeichnung selbst nach, statt sie zu delegieren.
Ich habe grosses Interesse an Ihrem Unternehmen.Ihre Stanzautomaten kenne ich aus meiner Zeit als Einrichter; jetzt möchte ich sie mitentwickeln.
Ich verfüge über umfangreiche Kenntnisse in CAD.Seit fünf Jahren arbeite ich täglich in Inventor, Baugruppen bis rund 2’000 Teile, Zeichnungsableitung nach ISO 2768.
Ich bin überzeugt, dass ich eine Bereicherung für Ihr Team wäre.Ich bringe Erfahrung mit Siemens- und Beckhoff-Steuerungen mit und arbeite mich schnell in bestehende Programme ein.
Ich strebe eine neue Herausforderung an.Ich suche eine Stelle, in der ich mehr Verantwortung für die Inbetriebnahme übernehmen kann.

Die häufigsten Fehler

  • Der Lebenslauf noch einmal in Sätzen. Wer im Schreiben nur seine Stationen aufzählt, verschenkt den Platz. Das Schreiben erklärt, was der Lebenslauf nicht zeigt: Bezug, Beispiel, Grund.
  • Dasselbe Schreiben an zehn Firmen. Personalverantwortliche erkennen Serienbriefe an der ersten Zeile. Mindestens der Bezug und der Grund für das Unternehmen müssen für jede Bewerbung neu sein.
  • Zu lang. Eine Seite ist die Obergrenze, eine halbe die Regel. Streichen Sie jeden Satz, der auch bei einem anderen Bewerber stehen könnte.
  • Falsche Anrede oder falscher Firmenname. Kommt öfter vor, als man denkt, besonders bei kopierten Schreiben. Name der Ansprechperson aus der Anzeige übernehmen; fehlt er, „Sehr geehrte Damen und Herren“ statt geraten.
  • Rechtfertigungen. Lücken, Wechsel oder eine Kündigung gehören ins Gespräch, nicht ins Schreiben. Höchstens ein neutraler Satz, wenn die Lücke aktuell ist.
  • Lohnvorstellungen. In der Schweiz nur, wenn die Anzeige ausdrücklich danach fragt. Sonst gehört der Lohn ins Gespräch.
  • Übertreibungen bei Sprachen oder Kenntnissen. Was im Schreiben steht, wird im Gespräch geprüft.

Sonderfälle

  • Bewerbung aus Deutschland oder Österreich: Nennen Sie im Schluss kurz, wie Sie die Stelle antreten können: Umzug in die Region geplant, Grenzgängerstatus vorgesehen, Bewilligung vorhanden oder nicht nötig. Das nimmt dem Unternehmen eine Frage ab. Die Grundlagen stehen im Leitfaden für Grenzgänger.
  • Branchenwechsel oder Quereinstieg: Der zweite Absatz muss die Brücke bauen: welche Ihrer Erfahrungen direkt übertragbar ist, und dass Sie den Rest bereit sind zu lernen. Ein Beispiel ist hier wichtiger als bei jeder anderen Bewerbung.
  • Bewerbung aus ungekündigter Stellung: Kein Wort über Probleme beim jetzigen Arbeitgeber. Der Grund für den Wechsel ist immer das, was Sie bei der neuen Stelle suchen, nicht das, was Sie bei der alten stört.
  • Initiativbewerbung: Ersetzen Sie den Bezug auf die Anzeige durch den Bezug auf das Unternehmen und die Funktion, die Sie sich vorstellen. Nennen Sie konkret, wo Sie einen Beitrag sehen.

Form und Versand

  • Eine A4-Seite, Schrift wie im Lebenslauf, 11 Punkt, ein PDF mit Ihrem Namen im Dateinamen („Motivationsschreiben_Vorname_Nachname.pdf“).
  • Kopf mit Ihren Kontaktdaten, Firma und Ansprechperson, Ort und Datum, Betreff mit dem Stellentitel aus der Anzeige.
  • Anrede mit Namen, wenn bekannt. In der Schweiz ohne Komma nach der Anrede und ohne Ausrufezeichen.
  • Schluss mit „Freundliche Grüsse“ und Ihrem Namen; eine Unterschrift ist im PDF üblich, aber nicht nötig.
  • Schweizer Schreibweise: ss statt ß, „Grüsse“, „gross“. Rechtschreibung von einer zweiten Person lesen lassen.

Checkliste Motivationsschreiben

  • Stellentitel und Firmenname stimmen mit der Anzeige überein
  • Erster Absatz stellt den Bezug zur Stelle her
  • Mindestens ein konkretes Beispiel mit Technologie und Ergebnis
  • Ein Grund, der nur auf dieses Unternehmen passt
  • Verfügbarkeit oder Kündigungsfrist genannt
  • Höchstens eine Seite, besser eine halbe
  • Keine Floskeln, keine Lebenslauf-Wiederholung, keine Rechtfertigungen
  • Anrede, Namen und Rechtschreibung geprüft, als PDF gespeichert

Die Vorlage mit Textbausteinen für jede Situation und je ein Beispielschreiben für Konstrukteure, Polymechaniker, Automatiker und Techniker HF finden Sie im PDF.

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