Ratgeber für Kandidaten

Fachkräftemangel Schweiz: Warum Technik-Fachkräfte in den nächsten 10 Jahren gefragt bleiben

Laut der Schweizerischen Nationalbank scheiden in den nächsten zehn Jahren rund 400'000 Personen mehr aus dem Arbeitsmarkt aus, als junge Menschen nachrücken. Grund sind die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge, die jetzt in Pension gehen. Kurzfristig hat sich der Stellenmarkt 2025 und 2026 zwar beruhigt, an der Altersstruktur ändert das aber nichts. Für Ingenieure, Techniker, Konstrukteure, Automatiker, Projektleiter und Fachspezialisten heisst das: gute Aussichten über ein ganzes Berufsjahrzehnt, mehr Chancen auf Führungs- und Schlüsselrollen und eine solide Verhandlungsposition. Dieser Ratgeber ordnet die Zahlen ein, zeigt die gefragten Berufsfelder und erklärt, was Sie als Fachkraft aus Deutschland oder Österreich daraus machen können.

Kurz gesagt: Laut der Schweizerischen Nationalbank scheiden in den nächsten zehn Jahren rund 400'000 Personen mehr aus dem Arbeitsmarkt aus, als junge nachrücken, weil die Babyboomer-Jahrgänge in Pension gehen. Der Mangel hat 2025 und 2026 konjunkturell nachgelassen, bleibt aber bei Bauführern, Polieren und Produktionsleitern, ingenieurtechnischen Fachkräften sowie in Elektro und Elektronik deutlich.

Von Jürgen Winkler, Personalvermittler und Journalist (DPV) · Stand Oktober 2026 · Lesezeit 7 Minuten

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Kurz zur Lage: der Markt hat Luft geholt

Wer 2026 die Schlagzeilen liest, könnte meinen, der Fachkräftemangel sei vorbei. Tatsächlich hat er nachgelassen. Der von Adecco und dem Stellenmarkt-Monitor der Uni Zürich erhobene Fachkräftemangel Index 2025 sank gegenüber dem Vorjahr um rund 22 Prozent, in der Deutschschweiz um 23 Prozent. Die Zahl der offenen Stellen ging um 8 Prozent zurück, die Arbeitslosenquote stieg von 2,3 auf 2,8 Prozent.

Bemerkenswert ist, wer trotzdem weiter fehlt. Ein klarer Mangel zeigt sich nur noch in wenigen Berufsgruppen, und drei davon sind technisch: auf Rang 2 Bauführer, Poliere und Produktionsleiter, auf Rang 3 die ingenieurtechnischen Fachkräfte, auf Rang 4 Elektriker und Elektroniker. Informatikberufe dagegen zeigen laut derselben Studie ein Überangebot.

Im Herbst 2026 stabilisiert sich der Markt. Laut Job Index Q3 2026 (15.10.2026) stieg die Zahl der offenen Stellen um 0,8 Prozent, gegenüber dem Vorquartal wie gegenüber dem Vorjahr. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag im August bei 3,1 Prozent. Bei den Handwerks- und technischen Berufen liegt die Zahl der offenen Stellen 131 Prozent über dem Stand von 2015/16, während der Gesamtmarkt in dieser Zeit um 30 Prozent zulegte.

Das ist die konjunkturelle Seite. Wichtiger für Ihre Karriereplanung ist die demografische.

Die nächsten zehn Jahre: mehr Abgänge als Eintritte

Was die Nationalbank berechnet hat

Die SNB hat in der Economic Note 7/2025 (Mai 2025) untersucht, wie die Alterung die Beschäftigung bremst. Die Kernaussagen:

  • Seit 2010 erreichen jedes Jahr mehr Menschen das Rentenalter, als Junge ins Erwerbsalter kommen.
  • Auf Basis der heutigen Altersstruktur werden in den nächsten zehn Jahren rund 400’000 Personen mehr den Arbeitsmarkt verlassen, als junge nachrücken.
  • Ab 2029 würde die Bevölkerung im Erwerbsalter ohne Zuwanderung um fast 50’000 Personen pro Jahr schrumpfen.

Wichtig für die Einordnung: Die 400’000 sind keine Zahl offener Stellen. Sie beschreiben die Lücke, die entsteht, bevor Zuwanderung, längeres Arbeiten oder höhere Erwerbsbeteiligung sie teilweise schliessen. Selbst wenn die bisherigen Trends weiterlaufen, dürfte das Beschäftigungswachstum laut SNB etwa auf die Hälfte des historischen Durchschnitts sinken.

Was das Bundesamt für Statistik erwartet

Die BFS-Szenarien 2025–2055 zeigen dasselbe Bild aus anderer Richtung. Laut Bericht schreitet die Alterung am stärksten zwischen 2025 und 2035 voran. Die Gruppe der Personen ab 65 Jahren wächst im Referenzszenario von 1,8 Millionen (2025) auf 2,2 Millionen (2035). Im Jahr 2024 standen 100 Erwerbspersonen im Alter von 20 bis 64 Jahren 38 Menschen im Rentenalter gegenüber, 2055 sollen es rund 51 sein.

Die Erwerbsbevölkerung wächst laut BFS trotzdem, bis 2055 um 12,5 Prozent, und zwar vor allem durch Zuwanderung. Der Anteil ausländischer Arbeitskräfte an der Erwerbsbevölkerung steigt im Referenzszenario von 29,7 Prozent (2023) auf 35,5 Prozent (2055). Die Schweiz bleibt also auf Fachleute aus dem Ausland angewiesen.

Europa altert zur gleichen Zeit

Ein Punkt, der für Leserinnen und Leser aus Deutschland und Österreich besonders relevant ist: Laut BFS gehen auch in den übrigen europäischen Ländern die Babyboomer-Jahrgänge zwischen 2030 und 2040 in Pension. Das BFS erwartet deshalb einen stärkeren Wettbewerb zwischen der Schweiz und ihren Nachbarn um qualifizierte Arbeitskräfte. Gute Leute werden also nicht nur in der Schweiz gesucht, sondern auch zu Hause. Das stärkt Ihre Position, egal wo Sie sich bewerben.

Weitere Treiber neben der Demografie

Im Bericht «Ursachen und Auswirkungen von Arbeitskräftemangel» vom 22. April 2026 bezeichnet der Bundesrat die Alterung als zentralen Treiber. Daneben nennt er weitere Faktoren:

  • Konjunktur: In guten Jahren verschärft sich der Mangel, im Abschwung nimmt er ab. Genau diese Bewegung sehen wir 2025 und 2026.
  • Strukturwandel: Digitalisierung, wissensintensive Dienstleistungen und die ökologische Transformation erhöhen den Bedarf an bestimmten Qualifikationen. Für Technikberufe heisst das: Netze, Gebäude, Energieerzeugung und Produktion werden umgebaut, und dafür braucht es Planung, Engineering und Inbetriebnahme.
  • Zuwanderung dämpft den Mangel.

Laut Bericht erwartet die Mehrheit der befragten Unternehmen, dass die Personalsuche in den nächsten fünf Jahren noch schwieriger wird. Auch die Wissenschaft sieht das so: In der KOF-Ökonomenumfrage vom März 2026 nannten 87 Prozent von 103 befragten Ökonominnen und Ökonomen den demografischen Wandel als wichtigsten Faktor.

Welche technischen Berufsfelder gefragt sind

BerufsfeldWas die aktuellen Daten zeigenWas langfristig dafür spricht
Bauleitung und ProduktionsleitungRang 2 im Fachkräftemangel Index 2025Kaderfunktionen, viele erfahrene Stelleninhaber nahe am Rentenalter
Ingenieurtechnische FachkräfteRang 3 im Fachkräftemangel Index 2025Infrastruktur, Energie und Industrie brauchen Engineering
Elektro und ElektronikRang 4 im Fachkräftemangel Index 2025, offene Stellen laut Job Index Q3 2026 deutlich über 2015/16Netze, Photovoltaik, Ladeinfrastruktur, Gebäudeautomation
Gebäudetechnik und EnergieBau- und Ausbauberufe mit dem stärksten Stellenzuwachs seit 2015/16 (Job Index Q3 2026)Ökologische Transformation laut Bundesrat als Treiber
Automation und MaschinenbauIm Index ohne eigenen Spitzenrang, exportabhängig und konjunkturell schwankendProduktion wird digitaler, Steuerungs- und Inbetriebnahme-Wissen bleibt knapp verteilt
InformatikLaut Index 2025 eher ÜberangebotGefragt vor allem in Kombination mit Technik, etwa Industrie- oder Gebäudeautomation

Die Tabelle zeigt Tendenzen, keine Garantie für die einzelne Stelle. Region, Branche und Ihr konkretes Profil entscheiden mit.

Nachfolge: wo Rollen frei werden

Die Pensionierungswelle betrifft nicht nur Sachbearbeitung und Montage, sondern auch Teamleitungen, Abteilungsleitungen und erfahrene Spezialisten, die über Jahrzehnte Wissen aufgebaut haben. Dazu kommen die Firmen selbst: Laut Dun & Bradstreet (März 2025) steht bei 90’667 Schweizer KMU eine Nachfolge an, das sind 13,7 Prozent der Unternehmen mit bis zu 249 Mitarbeitenden.

Was heisst das für Sie? In vielen Betrieben wird in den kommenden Jahren eine Generation von Gruppenleitern, Chefkonstrukteuren und technischen Leitern ersetzt. Wer früh Verantwortung übernimmt, Wissen von älteren Kolleginnen und Kollegen aufnimmt und sich als Stellvertretung aufbaut, hat gute Chancen auf den nächsten Schritt.

Was das für Sie aus Deutschland oder Österreich heisst

Langfristig denken

Die demografische Lücke ist kein Strohfeuer, sondern prägt das gesamte nächste Jahrzehnt. Eine Stelle in der Schweiz ist deshalb nicht nur ein Jobwechsel, sondern kann der Start einer längerfristigen Entwicklung sein. Fragen Sie im Vorstellungsgespräch gezielt nach Entwicklungspfaden: Wer geht in den nächsten Jahren in Pension, welche Rolle könnte daraus entstehen?

Die eigene Verhandlungsposition richtig einschätzen

Laut Bundesrat reagieren Firmen mit Rekrutierungsproblemen häufiger mit mehr Weiterbildung, flexibleren Arbeitsmodellen und teilweise mit höheren Löhnen. Das ist ein Argument, aber kein Freibrief. Ein Profil in einem der gefragten Felder mit nachweisbarer Erfahrung verhandelt anders als ein Einstiegsprofil oder eine Bewerbung in der Informatik. Verhandeln Sie neben dem Lohn auch Weiterbildung, Pensum, Homeoffice-Anteil und Ferien. Wie Löhne in der Schweiz aufgebaut sind, steht im Ratgeber Gehälter in der Schweiz.

Bewilligung und Anerkennung sind selten das Hindernis

Als Bürgerin oder Bürger der EU erhalten Sie über die Personenfreizügigkeit mit einem Schweizer Arbeitsvertrag eine Bewilligung; die Details stehen im Ratgeber Arbeitsbewilligung Schweiz. Für die meisten Ingenieur- und Technikerberufe ist keine formelle Anerkennung nötig. Entscheidend ist, dass die Firma Ihren Abschluss einordnen kann, siehe Berufsbezeichnungen Schweiz, Deutschland, Österreich. Für Elektroinstallationen gelten eigene Regeln: Als Elektriker in der Schweiz arbeiten.

Zusatzqualifikationen, die Gewicht haben

  • Kenntnis der Schweizer Normen Ihres Fachs, etwa SIA in Bau und Gebäudetechnik (SIA statt HOAI)
  • Projektleitung mit Verantwortung für Termine, Kosten und Qualität
  • Führungserfahrung, auch als Stellvertretung oder fachliche Leitung
  • Digitale Werkzeuge: BIM, aktuelle CAD-Systeme, SPS-Programmierung, Inbetriebnahme
  • Energie- und Gebäudethemen: Photovoltaik, Wärmepumpen, Gebäudeautomation

Praktische Tipps für die Bewerbung

  1. Ergebnisse statt Aufgaben: Nennen Sie Projekte mit Grösse, Ihrer Rolle und dem Ergebnis.
  2. Schweizer Begriffe verwenden: Ergänzen Sie Ihren Abschluss um die Schweizer Entsprechung.
  3. Verfügbarkeit klar angeben: Kündigungsfrist und frühestes Eintrittsdatum gehören in die Bewerbung.
  4. Entwicklungswunsch zeigen: Sagen Sie, welche Verantwortung Sie in drei bis fünf Jahren übernehmen möchten.
  5. Unterlagen komplett einreichen: Lebenslauf, Arbeitszeugnisse und Diplome als ein sauberes PDF.

Checkliste: Ihr Profil im nächsten Jahrzehnt

  • Mein Berufsfeld in der Tabelle eingeordnet
  • Eine Zusatzqualifikation gewählt, die mein Profil stärkt
  • Mögliche Führungs- oder Nachfolgerolle als Ziel formuliert
  • Verhandlungspunkte neben dem Lohn notiert
  • Bewilligung und Berufsbezeichnung geklärt
  • Projekte mit Grösse, Rolle und Ergebnis im Lebenslauf

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Häufige Fragen zum Fachkräftemangel in der Schweiz

Ist der Fachkräftemangel in der Schweiz vorbei?

Nein, er hat 2025 und 2026 konjunkturell nachgelassen, bleibt aber in wenigen Berufsgruppen deutlich, und drei davon sind technisch: Bauführer, Poliere und Produktionsleiter auf Rang 2 des Fachkräftemangel Index 2025, ingenieurtechnische Fachkräfte auf Rang 3, Elektro und Elektronik auf Rang 4. Im Herbst 2026 stabilisiert sich der Markt.

Wie viele Arbeitskräfte fehlen der Schweiz in den nächsten zehn Jahren?

Laut Economic Note 7/2025 der Schweizerischen Nationalbank scheiden in den nächsten zehn Jahren rund 400’000 Personen mehr aus dem Arbeitsmarkt aus, als junge nachrücken. Ab 2029 würde die Bevölkerung im Erwerbsalter ohne Zuwanderung um fast 50’000 Personen pro Jahr schrumpfen. Das ist keine Zahl offener Stellen, sondern die Lücke vor Zuwanderung und längerem Arbeiten.

Welche technischen Berufsfelder bleiben gefragt?

Bauleitung und Produktionsleitung, ingenieurtechnische Fachkräfte, Elektro und Elektronik für Netze, Photovoltaik, Ladeinfrastruktur und Gebäudeautomation, Gebäudetechnik und Energie mit dem stärksten Stellenzuwachs seit 2015/16 sowie Automation und Maschinenbau mit Steuerungs- und Inbetriebnahme-Wissen. Informatik gilt laut Index 2025 eher als Überangebot, ausser in Kombination mit Technik.

Warum ist das für Fachkräfte aus Deutschland und Österreich relevant?

Weil die Babyboomer-Jahrgänge laut Bundesamt für Statistik auch in den übrigen europäischen Ländern zwischen 2030 und 2040 in Pension gehen. Die Schweiz konkurriert dann mit allen Nachbarn um dieselben Fachkräfte, und ihre Erwerbsbevölkerung wächst bis 2055 vor allem durch Zuwanderung.

Wo werden in den nächsten Jahren Stellen frei?

Nicht nur in Sachbearbeitung und Montage, sondern bei Teamleitungen, Abteilungsleitungen und erfahrenen Spezialisten, die über Jahrzehnte Wissen aufgebaut haben. In vielen Betrieben wird eine Generation von Gruppenleitern, Chefkonstrukteuren und technischen Leitern ersetzt. Wer früh Verantwortung übernimmt, hat gute Karten.

Leitfaden als PDF

Der komplette Leitfaden plus Extras, die es nur im PDF gibt: Selbstcheck zum eigenen Profil, Argumente für die Gehaltsverhandlung und Übersicht gefragter Zusatzqualifikationen je Berufsfeld. Kostenlos per E-Mail.

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Über den Autor

Jürgen Winkler ist Geschäftsführer der JobAdvice Swiss GmbH in St. Gallen und vermittelt seit vielen Jahren Fach- und Führungskräfte aus Industrie, Technik und Bau in Festanstellungen in der ganzen Deutschschweiz. Er ist Mitglied im Deutschen Presse Verband (DPV) und schreibt als Journalist über Arbeitsmarkt, Löhne und Grenzgänger in der Schweiz. Mehr über JobAdvice

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