Ratgeber für Kandidaten

Arbeitszeugnis in der Schweiz lesen und verstehen: Formulierungen, Noten, Ihre Rechte

In der Schweiz zählen Arbeitszeugnisse mehr als in vielen anderen Ländern. Sie werden im Bewerbungsgespräch gelesen und mit Referenzen abgeglichen. Dieser Leitfaden erklärt, worauf Sie Anspruch haben, wie die üblichen Formulierungen zu verstehen sind, welche Stellen im Zeugnis Personalverantwortliche zuerst lesen und was Sie tun können, wenn ein Zeugnis nicht stimmt.

Von Jürgen Winkler, Fachberater Industrie & Technik · Stand September 2026 · Lesezeit 9 Minuten

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Ihr Anspruch: Vollzeugnis oder Arbeitsbestätigung

Jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer in der Schweiz hat jederzeit Anspruch auf ein Zeugnis. Das steht im Obligationenrecht, Artikel 330a. Es gibt zwei Formen:

  • Das Vollzeugnis beschreibt Art und Dauer der Anstellung, die Aufgaben, Ihre Leistung und Ihr Verhalten.
  • Die Arbeitsbestätigung nennt nur Art und Dauer der Anstellung, ohne Bewertung. Sie wird auf ausdrücklichen Wunsch ausgestellt.

Für Bewerbungen in der Industrie ist das Vollzeugnis der Normalfall. Eine blosse Arbeitsbestätigung nach mehreren Jahren fällt auf, weil sie meist bedeutet, dass die Bewertung nicht gut ausgefallen wäre.

Ein Zeugnis muss wahr, wohlwollend und vollständig sein. Wohlwollend heisst nicht, dass alles gut sein muss, sondern dass es Ihr berufliches Fortkommen nicht unnötig erschweren darf. Vollständig heisst, dass wichtige Aufgaben und Verantwortungen nicht fehlen dürfen.

Muster: so kurz darf eine Arbeitsbestätigung sein

Eine Arbeitsbestätigung besteht in der Regel aus drei Sätzen. Beispiel:

Herr Muster, geboren am 1. Januar 1990, war vom 1. März 2021 bis 31. August 2026 als Konstrukteur in unserer Abteilung Entwicklung tätig. Zu seinen Aufgaben gehörten die Konstruktion von Baugruppen in SolidWorks, die Erstellung von Fertigungszeichnungen und die Betreuung von Änderungen in der Serie. Das Arbeitsverhältnis endete auf seinen Wunsch. Wir wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.

Mehr steht nicht drin: keine Bewertung von Leistung oder Verhalten. Genau deshalb wirkt eine Arbeitsbestätigung nach mehreren Jahren in einer Bewerbung erklärungsbedürftig.

Zwischenzeugnis: wann Sie es verlangen sollten

Ein Zwischenzeugnis können Sie während des Arbeitsverhältnisses verlangen, ohne Begründung. Sinnvoll ist das bei einem Wechsel der Vorgesetzten, bei einer Umstrukturierung oder wenn Sie sich still nach einer neuen Stelle umsehen. Ein Zwischenzeugnis mit guter Bewertung ist später ein Anker: Das Schlusszeugnis darf ohne nachvollziehbaren Grund nicht deutlich schlechter ausfallen.

Bewerben Sie sich aus ungekündigter Stellung, ist das Zwischenzeugnis oft das einzige aktuelle Dokument, das ein Unternehmen sieht. Verlangen Sie es rechtzeitig, die Ausstellung darf einige Wochen dauern.

Muster Zwischenzeugnis: Aufbau und typische Formulierungen

Ein Zwischenzeugnis ist wie ein Vollzeugnis aufgebaut, steht aber in der Gegenwart und hat keine Schlussformel zum Austritt. Ein gutes Zwischenzeugnis für eine technische Fachkraft liest sich etwa so:

Frau Muster, geboren am 1. Januar 1990, ist seit dem 1. März 2021 als Automatikerin in unserer Abteilung Instandhaltung tätig. Ihre Aufgaben umfassen die Störungsbehebung an SPS-gesteuerten Anlagen, die Programmierung von Anpassungen in TIA Portal sowie die Inbetriebnahme neuer Linien. Frau Muster verfügt über ein sehr gutes und breites Fachwissen, das sie sicher und zielgerichtet einsetzt. Sie arbeitet exakt, zuverlässig und auch unter Termindruck stets ruhig und belastbar. Ihre Leistungen erfüllen unsere Anforderungen jederzeit und in jeder Hinsicht zu unserer vollsten Zufriedenheit. Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Mitarbeitenden und Kunden ist stets einwandfrei und wertschätzend. Dieses Zwischenzeugnis wurde auf ihren Wunsch ausgestellt.

Achten Sie in Ihrem eigenen Zwischenzeugnis auf dieselben Punkte: konkrete Aufgaben mit Systemen und Werkzeugen, eine klare Leistungsformel, die Nennung beider Richtungen beim Verhalten und der Hinweis, dass das Zeugnis auf Ihren Wunsch ausgestellt wurde. Fehlt die Leistungsformel ganz, lohnt sich eine Nachfrage, bevor Sie sich mit diesem Dokument bewerben.

Aufbau eines Schweizer Zeugnisses

  1. Personalien und Anstellungsdauer: Name, Geburtsdatum, Funktion, Eintritt und Austritt.
  2. Aufgabenbeschreibung: je konkreter, desto besser. Hier prüfen Personalverantwortliche, ob die Aufgaben zur neuen Stelle passen.
  3. Leistungsbeurteilung: Fachwissen, Arbeitsqualität, Arbeitsmenge, Zuverlässigkeit, Belastbarkeit.
  4. Verhaltensbeurteilung: gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden.
  5. Schlussformel: Grund des Austritts, Dank, Bedauern, Wünsche für die Zukunft.

Fehlt einer dieser Teile, ist das ein Signal. Fehlt zum Beispiel das Verhalten gegenüber Vorgesetzten, wird das oft als Hinweis auf Konflikte gelesen.

Die Formulierungen und was sie bedeuten

Schweizer Zeugnisse verwenden ähnliche Abstufungen wie deutsche, aber meist etwas zurückhaltender. Verdeckte Codes, die absichtlich etwas anderes aussagen als der Wortlaut, sind nicht zulässig. Trotzdem hat sich eine Skala eingebürgert, die Personalverantwortliche kennen.

FormulierungBedeutung
stets zu unserer vollsten Zufriedenheitsehr gut
stets zu unserer vollen Zufriedenheitgut
zu unserer vollen Zufriedenheitgut bis befriedigend
zu unserer Zufriedenheitbefriedigend bis genügend
im Grossen und Ganzen zu unserer Zufriedenheitungenügend
hat sich bemüht, den Anforderungen gerecht zu werdenungenügend

Bei der Verhaltensbeurteilung achten Sie auf zwei Dinge: Werden beide Richtungen genannt, also Vorgesetzte und Kollegen? Und steht ein Wort wie „stets“ oder „jederzeit“ davor? „Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitenden war stets einwandfrei“ ist gut. „Sein Verhalten war korrekt“ ist deutlich weniger.

Beispiele für Formulierungen, die in der Praxis negativ verstanden werden:

  • „Er zeigte für seine Arbeit Verständnis“ statt einer Aussage zur Leistung
  • „Sie war bemüht“ oder „hat sich bemüht“
  • Auffällige Betonung von Nebensächlichkeiten, etwa der Pünktlichkeit, wenn sonst nichts gelobt wird
  • Eine kurze Schlussformel ohne Dank und ohne Bedauern nach langer Betriebszugehörigkeit
  • Das Fehlen einer Aussage, die man erwarten würde, zum Beispiel zur Zuverlässigkeit bei einem Instandhalter

Wie ein Personalverantwortlicher das Zeugnis liest

Aus über tausend Vermittlungsgesprächen wissen wir, worauf Unternehmen in der Industrie zuerst schauen:

  1. Die Aufgabenbeschreibung wird mit dem Lebenslauf verglichen. Fehlt im Zeugnis, was im Lebenslauf steht, wird nachgefragt.
  2. Die Leistungsformel in einem Satz: vollste, volle, oder nur Zufriedenheit.
  3. Die Schlussformel: Kündigte der Mitarbeitende selbst, oder wurde ihm gekündigt? „Verlässt uns auf eigenen Wunsch“ ist neutral bis gut. Fehlt der Grund, fragt man nach.
  4. Lücken und Widersprüche zwischen mehreren Zeugnissen: War die Bewertung beim einen Arbeitgeber sehr gut und beim nächsten nur genügend, will man den Grund wissen.

Ein einzelnes mittelmässiges Zeugnis ist kein Ausschlussgrund. Entscheidend ist, dass Sie es im Gespräch ehrlich und ohne Vorwürfe erklären können.

Wenn das Zeugnis nicht stimmt

Sie haben das Recht auf ein korrektes Zeugnis. Vorgehen in dieser Reihenfolge:

  1. Sachlich prüfen: Vergleichen Sie mit dem Zwischenzeugnis und mit Ihren Aufgaben. Fehlen wichtige Aufgaben, stimmen Daten oder Funktion nicht?
  2. Änderung verlangen, schriftlich: Nennen Sie konkret, was fehlt oder falsch ist, und schlagen Sie eine Formulierung vor. Viele Unternehmen übernehmen Vorschläge, weil das Zeugnis für sie kein Kampf ist.
  3. Frist setzen: zwei bis drei Wochen sind angemessen.
  4. Bei Streit: Eine Klage auf Zeugnisberichtigung ist möglich, in der Regel kostenlos vor dem Arbeitsgericht bis zu einem bestimmten Streitwert. Wer eine schlechte Note behaupten will, muss sie belegen können. In der Praxis lohnt sich vorher fast immer ein Gespräch, im Zweifel über eine Fachstelle oder eine Rechtsberatung.

Das Musterschreiben für die Änderungsanfrage finden Sie im PDF.

Referenzen: was der neue Arbeitgeber fragen darf

Referenzauskünfte dürfen nur mit Ihrer Zustimmung eingeholt werden. Geben Sie Referenzpersonen an, die Ihre Arbeit tatsächlich kennen, und informieren Sie sie vorher.

Checkliste Zeugnisse vor der Bewerbung

  • Alle Zeugnisse vollständig vorhanden, auch aus der Lehre
  • Aktuelles Zwischenzeugnis der jetzigen Stelle liegt vor
  • Aufgabenbeschreibungen stimmen mit dem Lebenslauf überein
  • Leistungs- und Verhaltensformeln geprüft, auffällige Stellen markiert
  • Erklärung für schwächere Zeugnisse in zwei Sätzen vorbereitet
  • Referenzpersonen angefragt und informiert
  • Zeugnisse als PDF, gut lesbar, mit vollständigen Seiten

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